Die Brennerbande, Teil 97


"Was jetzt? Wollt ihr mir was sagen?"
Sie fasste jeden einzelnen ins Auge.
"Um mich auszurauben seid ihr noch nicht groß genug."
Und so wie sie dort stand, konnten die drei ihr nur Recht geben. Sie war keine schöne Frau, aber auf ihre Weise attraktiv. Ihre Augen funkelten und sie strotzte vor Selbstbewusstsein. Ihre dichten, bräunlichen Haare hatte sie streng nach oben zu einem Dutt gebunden. Sie trug keinen Schmuck, sah aber gepflegt aus. Ihr Kleid hing eher sackartig an ihr herunter, was sie, zusammen mit ihrer gebückten Haltung, gedrungen und schwerfällig aussehen ließ. Wenn man sie jedoch genauer betrachtete, verrieten ihre breiten Schultern ihre Kraft und die Nähe ihres Kopfes zum Türrahmen, dass sie nur gebückt ging, weil sie größer war, als die meisten Menschen in Xpoch.
"Äh, ja, wir such'n Frau Linnbeth",
sah sich Tiscio genötigt zu antworten, weil er von den dreien am weitesten vorne stand.
"Wollt ihr ihr was sagen?"
"Sind sie Frau Linnbeth?" drängte sich Gunnar an Tiscio vorbei."
"Ja, die bin ich. Und jetzt raus mit der Sprache: was wollt ihr?"
Jetzt war es an Malandro zu sprechen, der immer noch die Liste in der Hand hielt:
"Wir ham von Herrn van der Linden eine Liste bekommn. Wir brauch'n Waffen, gegen Dämonen. Sie seid auf der Liste."
"Was redet ihr da? Ich bin nur eine einfache Hausfrau."
"Aber se sind doch Frau Linnbeth, nich'?"
"Aber ich habe keine Waffe. Jetzt verschwindet." Und ohne eine weitere Reaktion abzuwarten, knallte sie die Tür zu.
Nach einem verdutzten Zögern war es diesmal an Gunnar, sich der Tür zu nähern. Er zog an der Klingelschnur und die Tür flog auf.
"Ihr seid ja immer noch da."
"Bitte, Frau Linnbeth. Ich bin Gunnar van der Linden, mein Vater hat diese Waffen gebaut. Und wir brauchen Hilfe."
"So", sagte sie leiser, "der Sohn."
Dann griff sie so schnell nach Gunnars Kopf, dass weder er noch einer der anderen Zeit hatte, zu reagieren. Sie hielt ihn fest und brüllte ihm ins Gesicht: "Haut ab, ihr kleinen Spinner. Sag deinem Vater, dass ich nichts mehr mit ihm zu tun haben will."
Dann zog sie seinen halb betäubten Kopf zu sich heran und flüsterte
"Kommt in einer Stunde zum Werwolf", ins Ohr, drehte sich um und knallte erneut die Tür zu.

Der Werwolf. Die meisten Xpochler, die das Wort "Werwolf" hörten, dachten nicht an ein haariges, geiferndes Untier, sondern an eine der ältesten Kaschemmen der Stadt, die ihren "Charme" selbst noch erhalten hatte, als das alte Handwerkerviertel den neuen Gerberreihen angegliedert wurde, und auch noch, als die xpochschen Fachwerkhäuser durch schöne, moderne Steinhäuser ersetzt wurden. Brände, Osispunpogrome und Kriege hatten ihre Spuren an den Einrichtungen hinterlassen, Besitzer das Leben gekostet und dafür gesorgt, dass er immer wieder für ein paar Tage, Wochen oder auch in einem Fall für vier Monate geschlossen geblieben war. Am Ende war der Werwolf jedoch immer wieder auferstanden, selbst wenn sich einige Scherzkekse einen Spaß daraus gemacht hatten, mit silberbespitzten Bolzen auf Türen und Fensterläden zu schießen.
Auch die Feldstraßler hatten von dieser Kneipe gehört. Die wildesten Legenden hatten sich um sie gebildet. Nicht nur sollten sich hier, als die Stadt noch jünger gewesen war, spätere Könige und Ritter getroffen, sondern auch der Erzverräter Rholof, erst Gefährte, dann Feind Seklons I., des ersten Königs von Xpoch, seine finsteren Pläne geschmiedet haben.
Als Feldstraßler suchte man jedoch nicht einfach eine Kneipe in der Altstadt auf und schon gar nicht den Werwolf. Denn neben den Legenden gab es auch den Ruf, und dieser verhieß nur den hartgesottensten und gnadenlosesten Besuchern genügend Zeit, um ein Bier zu leeren.
Diesmal hatten sie jedoch keine Wahl und betraten den finsteren Ort. Er wurde immer noch von Kerzen und Öllampen erhellt und die Luft war entsprechend.
In dem schummrigen Licht machten die Gestalten, die sich um die Tische versammelt hatten, tatsächlich einen gefährlichen Eindruck und die drei beeilten sich, einen Platz zu finden. Sie mussten sich zwei Stühle teilen, was ihre Stimmung nicht verbesserte. Auch dass Linnbeth auf sich warten ließ, machte diese Umgebung nicht vertrauenswürdiger. Die ganze Zeit über hatten sie das Gefühl, beobachtet zu werden. Einmal fiel Gunnar fast vom Stuhl, den er mit Tiscio teilte, weil ein anderer Gast sie anrempelte und ihnen blieb fast das Herz stehen.
Erst als Linnbeth in der Tür erschien, beruhigten die drei sich ein wenig und bemerkten, dass die Männer, die hier an den Tischen saßen, eher Handwerker und Studenten waren, als irgendwelche rauen Burschen, die bei der ersten Provokation zu einem Messer griffen.
Die große Frau trat neben Malandro, der nicht lange brauchte, um zu verstehen, dass sie darauf warteten, den Platz angeboten zu bekommen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich neben seine Freunde zu stellen, die ihn angrinsten, weil sie immer noch einen Platz hatten, nachdem Malandro seinen hatte nicht teilen müssen.
"Seid ihr nicht ein wenig jung für so einen Kram?" Keine Einleitung, kein Vorgeplänkel, Linnbeth kam sofort zu den Herabwürdigungen.
"Wir ham nich' wirklich ne Wahl", antwortete Tiscio, dem es nicht gefiel, schon wieder angeblafft zu werden.
"Dann geht besser zu den Priestern. Die sollen euch Schützen."
"Ich bin aber kein Hätradonide mehr."
"Dann bist du Verrückt. Und im Übrigen gehe ich davon aus, dass ihr euch nicht nur Schützen wollt. Dann könntet ihr auch einige andere, weniger gefährliche Dinge tun."
"Wie Salz streuen?"
"Ne, richtiger Schutz ist leider Häresie. Aber damit sollte jemand, der nicht mehr der Sonne anhängt, weniger ein Problem haben, nicht wahr? Und außerdem macht ihr euch auch mit ner Waffe, wie ihr sie haben wollt, strafbar."
"Sie kennen sich aber gut aus."
"Lebe ja auch schon lange genug in Xpoch."
"Dann haben sie auch gegen [Dämonen] gekämpft?"
"Wie kommt ihr denn darauf?"
"Naja, sie steh'n auf der List, sie sind lange hier und wir mussten uns hier treffen."
"Mhm, nicht dumm. Ja, ich habe gegen [Dämonen] gekämpft und deshalb kann ich euch versichern, dass ihr die Finger davon lassen solltet."
"Könn se uns was von den [Dämonen] erzähl'n?"
"Was soll ich denn da erzählen? Was wollt ihr denn wissen?"
"Na, was sie so erlebt haben."
"Du meinst, wie ich mit ein paar Freunden einem dieser großen Biester gefolgt bin, mit mehr Hörnern als Fingern und Augen, die einem die Seele verbrannten? Wie das Monster einen von uns in die Finger kriegte, in hochhob und in der Luft zerriss? Sowas wollt ihr hören?" Sie war nicht lauter geworden, aber die Worte dröhnten in den Ohren der Feldstraßler.
Während die beiden älteren Feldstraßler lange gebraucht hatten, sich von den Bildern, die die Ereignisse um Alnas Entführung in ihnen hinterlassen hatten, zu erholen, und daher kaum noch Freude an blutrünstigen Erzählungen hatte, sah Gunnar sie mit großen Augen an. Er schien vollkommen den Toten im Hai vergessen zu haben.
"Ja, sowas. Haben sie noch mehr Geschichten?"
Linnbeth schüttelte nur den Kopf. "Ihr seid tatsächlich verrückt."
Sie schwiegen eine Weile, während die große Frau abwechselnd grübelnd an die Decke starrte und kopfschüttelnd die drei betrachtete.
Schließlich schien sie zu einem Ergebnis zu kommen. Jeder der Jungs hatten inzwischen zwei Humpen geleert und in ihrer Nervosität kaum bemerkt, dass sie inzwischen angeschwipst waren.
"Ich kann mir zwar kaum vorstellen, dass ihr mich in eine Falle locken wollt. Oder dass ihr mich ausrauben wollt. Trotzdem traue ich euch immer noch nicht ganz. Ich brauche einen Bürgen."
Die Feldstraßler steckten die Köpfe zusammen. "Was meint se mit Bürgen?"
"Na, jemand, dem sie mehr vertraut als uns."
"Vilet is im Knast. Sie kann uns nich' helfen."
"Hör doch endlich mal mit Vilet auf. Immer kannst'e nur an sie denken."
"Hast'e ne bessere Idee?"
"Wie wär es denn mit Herrn Kargerheim? Ach, der ist ja auch weg."
"Stimmt. Aber wär nich' sowieso Herr Unterschnitt besser?"
Die beiden anderen sahen Malandro erstaunt an. "Was guckt ihr so? Ich find's orrich."

Die Kinder aus der Feldstrasse, 04